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Festigkeitsklasse 8.8 und 10.9: was die Zahlen an der Bank heißen
ISO 898-1: Streckgrenze aus dem Stempel 8.8 vs 10.9, passende Muttern, wann 12.9 bricht statt zu warnen, und warum Edelstahl A2 kein 8.8 ist.
Auf dem Kopf steht 8.8 oder 10.9. Das ist keine Marketingstufe. Es ist die Festigkeitsklasse nach ISO 898-1 für vergütete Stahlschrauben. Wer 10.9 in ein weiches Gewinde im Alugehäuse zieht, bis es klickt, reißt das Gehäuse. Wer 4.8 in eine Radaufnahme packt, weil sie „gleich aussieht“, hat das falsche Teil.
Die Stempelung lesen
Nennwerte, gerundet — Details in ISO 898-1
| Klasse | Rm min. (N/mm²) | Re/Rp ca. (N/mm²) | Typisch an der Bank |
|---|---|---|---|
| 4.6 / 4.8 | 400 | 240 / 320 | unempfindlich, Möbel, weicher Stahl, nicht hochfest |
| 5.6 / 5.8 | 500 | 300 / 400 | allgemeiner Stahlbau, geringere Ansprüche |
| 8.8 | 800 | 640 | Maschinenbau-Alltag, viele Gehäuse, Gestelle |
| 10.9 | 1000 | 900 | hochfest, Kfz, Pressverbände — spröder |
| 12.9 | 1200 | 1080 | sehr hochfest, empfindlich gegen Kerben und Wasserstoff |
Untere Klassen sind oft ohne Stempel oder nur mit Herstellerzeichen. Fehlt 8.8/10.9 auf einer „schwarzen“ Schraube aus der Mischkiste, behandeln Sie sie nicht als 8.8. Verzinkung ändert die Klasse nicht magisch — eine 8.8 verzinkt bleibt 8.8, wenn der Prozess die Festigkeit nicht ruiniert hat (Wasserstoffversprödung bei hochfest + falscher Galvanik).
8.8 gegen 10.9 in der Praxis
8.8 dehnt sich vor dem Bruch noch spürbarer. Überziehen Sie, warnt sie oft durch Dehnung. 10.9 hält mehr, bricht kurz. An der Hobbybank, wo Momentkeys fehlen und „fest“ mit dem Ring schlüssel kommt, ist 8.8 oft der friedlichere Werkstoff — sofern die Konstruktion 8.8 verlangt. Wo 10.9 vorgeschrieben ist (viele Kfz-Flansche), bleibt 10.9.
Längen: die Dehnschaftlänge beeinflusst, wie viel Winkel nach dem Moment noch Vorspannung bringt. Kurze, dicke 12.9-Schrauben in steifen Flanschen sind kerbempfindlich. Nicht die Klasse hochsetzen, um eine zu kurze Schraube zu „retten“.
Anzug und Reibung
Tabellenwerte gelten für definierte Reibzahlen. Rost, Öl, Molykote, Zinklamelle — jedes ändert das Moment für dieselbe Kraft. Deshalb: Vorgabe des Herstellers, nicht die Internet-Tabelle für „M8 8.8“ blind auf die öltriefende Restschraube. Neuwertige Schraube, definierter Zustand, Drehmomentschlüssel.
- Stempel und Länge prüfen, zur Zeichnung oder zur ausgebauten Schraube passen.
- Mutter und Scheibe gleicher Güte, Auflage plan.
- Gewindezustand: nicht in das gerissene Alugewinde eine 10.9 jagen.
- Moment oder Winkel laut Vorgabe, über Kreuz bei Gruppen.
- Nach dynamischer Last (Maschine läuft warm): einmal nach dem Setzen prüfen, wenn die Bauart das vorsieht — nicht wöchentlich „aus Prinzip“ überziehen.
Korrosion ist eine andere Achse
Festigkeit ≠ Rostschutz. 8.8 blank rostet in der feuchten Garage. Feuerverzinkt, Dacromet, A2/A4 — eigene Systeme. A4-80 kommt in Festigkeit näher an 8.8, bleibt aber ein anderer Werkstoff mit anderem Kriechen und anderer Reibung. Mischen in einer Verbindung (8.8-Schraube, A2-Mutter, Alu-Flansch) ist eine Kontaktkorrosions- und Festigkeitsfrage, kein „passt vom Gewinde“.
An der Bank: Stempel lesen, zur Aufgabe passen, Moment halten. Die Klasse ist ein Werkstoffkennwert, kein Mut-Index.
Häufige Fragen
Kann ich 8.8 durch 10.9 ersetzen „wird schon stärker“?
Nicht blind. 10.9 ist fester und spröder, braucht oft andere Momentwerte und passt nicht zu weichen Muttern oder Gussaugen, die dann reißen. In dynamisch belasteten Gelenken kann die höhere Festigkeit ohne angepasste Länge und Anzug schlechter sein. Zeichnung und Hersteller gehen vor.
Was bedeuten 8.8 genau?
Erste Zahl × 100 ≈ Zugfestigkeit in N/mm² (800). Zweite Zahl ist das Verhältnis Streckgrenze zu Zugfestigkeit (0,8), also Re ≈ 640 N/mm². 10.9: 1000 N/mm² Zug, Re ≈ 900 N/mm². Das ist der Stempel, kein Qualitätssiegel des Shops.
A2-70 neben 8.8?
A2-70 ist nichtrostend, andere Norm (ISO 3506), andere Korrosion, andere Reibung, oft niedrigere Streckgrenze als 10.9. Nicht 1:1 tauschen in hochfesten Stahlverbindungen, und nicht 8.8 in die Salzwasser-Reling.
Mutternklasse?
Mutter mindestens zur Schraube passend (z. B. 8 zur 8.8, 10 zur 10.9). Eine weiche Mutter gibt nach, die Schraube „hält“, die Verbindung nicht. Flache Muttern und Flanschmuttern haben eigene Regeln.
Quellen und Normen
Links zu Instituten und Herstellern dienen der Einordnung. Am Werkstück gelten Zeichnung, Zustand des Werkzeugs und der tatsächliche Schliff.